"Die prinzipiell negative Etikettierung von Aggression blieb (.) als Strategie zur Überwindung von Gewalt weitgehend erfolglos." (Hans-Otto Thomashoff 2009)

Aggression und Gewalt

Gewalt und Aggression werden häufig gleichgesetzt; ihr inflationärer und undifferen-zierter Gebrauch erschwert und gefährdet die professionelle Arbeit mit gewalthandeln-den Menschen.

Unser Verständnis ist nicht nur praxisnah und erprobt, sondern knüpft konsequent an wissenschaftlichen Erkenntnissen an. Wir unterscheiden beide Begriffe deutlich und haben ein positives Verständnis von Aggression.                                                                                 

"(.) abhängig davon, wie wir sie verstehen, werden wir ihr begegnen." (Joachim Bauer 2011)

                                                                                                                                                                Aggression ist das dem Menschen innewohnende und sich sinnvoll und zielgerichtet entfaltende Potential, die Umwelt an sich selbst anzupassen, Neues aufzunehmen oder zu schaffen. Sie entfaltet sich reaktiv auf eine subjektiv erlebte Neuerung, Grenzüber-schreitung, Handlungsbarriere, Störung und Bedrohung oder Gefährdung menschlicher Grundbedürfnisse und Grundmotivationen. Es beinhaltet ein Verhaltensrepertoire, dass es dem Individuum ermöglicht, durch ein "Herangehen-an" die auslösenden Umstände zu bewältigen. Der Aggressionsapparat ist insofern als Unterstützungssystem des Motivationssystem anzusehen. Aggression zielt also darauf ab, im positiven Sinne etwas herzustellen. Dabei besitzt Aggression eine kommunikative Funktion. 

 

"Die Leugnung der eigenen Aggression durch Unterdrückung, Verdrängung und Projektion führt zu jener Wirkung, die vermieden werden soll. Wenn Aggression nicht mehr verleugnet wird, entsteht daraus die Möglichkeit, Alternativen zu wählen, die dem Leben und dem Glück dienen, statt des dann alternativlosen Rückfalls auf Gewalt." (Friedrich Hacker 1988)

 

Aggression ist nach unserem Verständnis keine Gewalt und auch keine Vorstufe dazu!

 

Als Gewalt definiert Nini (Nini et al. 1995) jede Verletzung der körperlichen Integrität einer Person durch eine andere, wobei über körperliche Gewalthandlungen hinaus, auch Formen psychischer Gewalt begleitet sind oder auf deren Androhung beruhen. Gewalthandeln ist intentionales Handeln, dem eine Willensentscheidung des Handeln-den zugrunde liegt. Gewalt beinhaltet den Abbruch jeglicher Kommunikation. "Gewalt ist ein Abwehrverhalten. Es zielt nicht darauf ab, positiv etwas herzustellen, sondern einzig und allein darauf, etwas zu vermeiden." (Joachim Lempert 2002)

 

Wir verstehen das Gewalthandeln als selbst zu verantwortendes Handeln und zugleich als Ausdruck eines inneren Konflikts. Die mit dem Gewalthandeln und -erleiden zusam-menhängenden Aspekte beziehen wir in unsere Arbeit mit ein; sie dienen jedoch nur der Erklärung und ausdrücklich nicht der Entlastung und Entschuldigung des gewalthan-delnden Menschen.

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